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Unfall Hund

Suchaktion: Bei Unfall lief Hund weg

Am 22.07.2013 wurde der Australian Shepherd namens Benni, damals 1,5 Jahre alt und heilpädagogischer Therapiehund, von einem Fahrrad in Köln angefahren. In Panik lief er fort. Seitdem wird er von einer wachsenden Gruppe von Menschen intensiv gesucht. Dies ist eine Geschichte von Engagement und Leidenschaft, großen Gefühlen und langem Atem. Und davon, niemals die Hoffnung aufzugeben. Diese Geschichte hat noch kein Happy End, aber immer noch gibt es viele Menschen, die Benni suchen.

1. Der Unfall mit Hund

Am 22.07.2013 saßen meine Tochter Ebby und ich am Frühstückstisch im Garten und besprachen letzte Aktionen vor unserer Abfahrt in den Urlaub, als unser Freund Anton aus Köln anrief. Er war völlig aufgelöst. Benni war gerade von einem Fahrrad auf dem Gehweg angefahren worden und panisch weggelaufen. Wir waren erschrocken, aber absolut zuversichtlich.
Benni ist in unsere Hände hinein geboren worden. Er war der Jüngste in einem wunderbaren Wurf Australian Shepherds, darum nannten wir ihn Benjamin. Liebevoll und leidenschaftlich hatten wir die fünf Welpen zusammen mit den zukünftigen Familien der Hunde sozialisiert und dann mit 10 Wochen in deren Obhut gegeben. Benni wurde zum geduldigen Therapiehund in der heilpädagogischen Praxis von Anton. Wir kannten Benni also seit 1,5 Jahren, er würde zurückkommen. Er war unser Kind, ein Familienmitglied. Und wir haben schon seit vielen Jahren Hunde, da ist auch schon mal der ein oder andere weggelaufen und immer ganz schnell wieder gekommen. Wir waren uns also ganz sicher. Trotzdem fuhren wir sofort los, um Anton zu trösten und zu ermutigen, bis Benni den Weg zu ihm zurückgefunden hätte oder wir ihn finden würden.

Wir kommen aus N., also fanden wir Anton eine gute Stunde später am Schokoladenmuseum, wo er verzweifelt hin- und herlief und den Tränen nahe war. Keine Spur von Benni. Es war drückend heiß, also dachten wir, dass der Kleine wohl in Wassernähe bleiben würde und teilten uns auf. Rheinaufwärts und rheinabwärts, am künstlichen Bach unterhalb der Domplatte und am Unfallort fragten wir herum, rannten weite Strecken, zeigten Fotos und hinterließen Kontaktnummern. Keine Spur. Was also tun? Als es dunkel wurde, beschlossen wir, den Urlaub vorerst nicht anzutreten. Wir fuhren nach Hause, um uns auf die Suche einzurichten. Am nächsten Morgen waren wir wieder da und setzten die Suche fort. Vor und in der Tiefgarage von Antons Wohnung hatte er für die Nacht eine vertraute Decke und Futter hingestellt, das Tor und den Kofferraum offen gelassen – für den Fall, dass Benni den Weg dorthin wählen würde. Den Tag verbrachten wir wieder mit Laufen und Suchen. Und auch am nächsten Morgen waren wir wieder da und blieben bis spät in die Nacht hinein. Jeden Augenblick rechneten wir damit, ihn zu sehen. Seltsamerweise kam er aber nicht zurück an den Unfallort oder hielt sich wenigstens auf dem Fluchtweg entlang auf. Also waren wir auch am dritten Morgen wieder da. Langsam ein bisschen beunruhigt, aber endlich bekamen wir erste Sichtmeldungen. Doch, den Hund habe man gesehen. Richtung Cranachwäldchen rennend. Und in der Stadt, Richtung Weidmarkt, Richtung nach Hause, am Neumarkt, in der Straßenbahn. Also erweiterten wir das Suchgebiet. Inzwischen waren Tierheime, Tierärzte, die Polizei, das Bauamt und natürlich Tasso informiert. Am dritten Tag kamen die Suchplakate und wir hängten diese entlang der Rheinstrecke und Richtung zu Hause auf.

Die Plakate waren sehr wichtig, denn der genauen Beschreibung eines Hundes sind Grenzen gesetzt, selbst wenn man ein Bild von der Rasse im Kopf hat. Bei Benni baten wir immer, auf den einen weißen Zacken auf der sonst braunen Nase zu achten, der an der rechten Nasenseite absticht. Das ist sehr unverwechselbar. Rotbraunes Fell, weiße Mähne und Schwanzspitze – das haben viele. Der Zacken ist sein Markenzeichen. Die Therapiekinder von Anton hatten mit Benni gelernt, ihre Traumata zu überwinden, die Sprache wieder zu finden oder sich auf etwas zu konzentrieren. Und nun war er plötzlich weg. Viele traurige Briefe wurden geschrieben und Bilder gemalt, aus denen die verzweifelte Sehnsucht nach ihrem Benni sprach. Und doch musste Anton in der Praxis pausieren, denn Benni musste noch ganz in der Nähe sein und jeder Augenblick war wichtig. Wir mussten einfach auch unsere Duftspuren hinterlassen, damit er nicht weiter weg lief. Also blieben alle da, die für ihn Familie oder Freunde waren: Anton, meine Kinder und ich, immer wieder auch seine Wurfgeschwister mit deren Herrchen oder Rudelmitglieder aus den Hunderunden in der Neuwieder Heimat.

Anton ist ein ganz wunderbarer Mensch. Er setzt sich für jedes Kind bedingungslos ein, verschenkt seine Kompetenz, seine Zeit und sein Herzblut. Er verdient es einfach nicht, dass er den Hund, den er vom ersten Augenblick an mitaufgezogen hat und den er leidenschaftlich liebt, verschwunden bleibt. Anton und Benni gehören zusammen, sie sind ein Team, Kollegen, Freunde – Familie.Unfall Hund

2.  Glücksmomente in der Not – die Helfer formieren sich

Natürlich wurde unsere Suche auch schnell auf Facebook gepostet und die Resonanz war gewaltig. Es gibt dort schon eine Gruppe “Entlaufene/vermisste Hunde Köln und Umgebung”. Die wurde auf uns aufmerksam und stellte sich mit all ihrem Know-How und Kontakten zur Verfügung. Vor allem Susanne Koc wurde uns eine kompetente Begleitung. Als sich wider Erwarten kein schneller Erfolg einstellte und viele Menschen helfen wollten, wurde so auch die Gruppe “Köln sucht Benni”  gegründet und immer mehr Menschen schlossen sich der aktiven Suche oder der moralischen Unterstützung an. Manchmal waren wir gereizt, wenn dort wieder mal gefragt wurde, ob wir schon die Tierheime informiert hätten, aber wir bemühten uns auch dann um Freundlichkeit, denn im Grunde waren wir für jede Beteiligung dankbar.
Wenn Sichtmeldungen reinkamen, waren innerhalb kürzester Zeit bis zu 20 Menschen da, die koordiniert den Platz umkreisten, um den Kleinen einzufangen. Wildfremde strömten an die neuralgischen Punkte. Wir erkannten uns gegenseitig an den Suchplakaten, die wir uns um den Hals hängten oder wie Banner vor uns hertrugen. Doch immer wieder entwischte er wie ein Geist. Trotzdem waren wir von der stetig wachsenden Hilfsbereitschaft der Kölner überwältigt. So blieben wir zuversichtlich und malten uns ein großes Fest auf der Domplatte aus, zu dem alle Helfer kommen würden, sobald Benni wieder da wäre.  Aber er blieb verschwunden.

Darum bemühten wir uns, mehr Ruhe und Professionalität in die Aktion zu bringen und ließen uns von noch mehr ganz oder nahezu professionell arbeitenden Suchern beraten und unterstützen. Wer weiß denn schon vorher, wie man richtig sucht? Also wurden nach Sichtmeldungen vor allem Sichtwachen eingerichtet. Stundenlang, tagelang – und auch nächtelang. Die Bastei wurde für mehrere Wochen ständiger Übernachtungsort, da sie etwa mittig auf Bennis Laufstrecke lag. Immer lagen Kleidungsstücke und Gegenstände von Menschen dabei, die er kannte. Und Anton übernachtete im Zelt in der Nähe des Cranachwäldchens in der Hoffnung, dass Benni ihn finden würde. Doch dann wurde er in Rodenkirchen gesehen und der Suchraum wieder einmal erweitert. Aber niemals blieb er lange genug an einer Stelle, um ihn anfüttern zu können. Denn nur dann hätte man mit einer Lebendfalle oder einem Blasrohr Hoffnung haben zu können, ihn zu erwischen. Unermüdlich wurde geflyert und Abgerissenes nachgeflyert. Tasso lieferte die Plakate und Handzettel, bald druckten wir aber auch selber welche. Wir wollten Tasso nicht überstrapazieren.
Auch auf der Domplatte wurde Wache gehalten, denn es kam die Meldung auf, er sei dort an der Leine einer jungen Frau mehrfach gesehen worden. Einmal, als ich schon viele Stunden dort mit Bennis Bruder gesessen hatte, passierte mich ein junger Mann mit einem großen Hund. Unmittelbar darauf passierte er mich wieder…und wieder. Jedes Mal ein Stück näher und ich sah, dass er mich scharf beobachtete. Plötzlich kam er auf mich zugeschossen und verlangte fordernd Rede und Antwort: “Was ist das für ein Hund? Wo haben Sie den her? Wie heißt der?” Zum Glück gab ich die richtigen Antworten, denn wenn ich Benni gestohlen hätte, hätte ich mit diesem Mensch keinen Spaß gehabt. Er stellte sich als sehr engagiert und hilfreich heraus.

Tagsüber fuhr Anton mit dem Fahrrad endlose Kilometer, legte Duftspuren aus, baute einen “Duftkäfig” rund um Köln, machte nur Rast an Plätzen, wo Benni gesehen worden war. Nachts wanderte er mit wechselnden Menschen durch Wälder, Stadtviertel und am Rhein entlang. Er war aber auch viel zu viel allein. Die Stadt ist so groß. Doch er ließ nicht nach, gönnte sich nichts.
In dieser Zeit gab es unglaubliche Geschichten der Unterstützung: Zum Beispiel hatte ich mit meiner Tochter Ebby und unseren beiden Hunden nach einer Sichtmeldung in brütender Hitze mitten in der Stadt seit Stunden unter einem Vordach als Sichtwache ausgeharrt, als plötzlich ein Mercedes auf den Gehweg fuhr und abrupt anhielt. Das Beifahrerfenster wurde heruntergelassen und die Fahrerin, eine ältere Dame, reichte uns eine Tüte durch das Fenster: “Hier, ihr seid doch die Benni-Sucher, was zu essen für euch und eure Hunde.” – und schwupp, war sie wieder weg. Ein kräftiges Mittagessen für uns und Hundewurst für unsere treuen Begleiter. Uns kamen die Tränen.

All das Koordinieren verbrauchte unsere Handyakkus schneller, als wir nachladen konnten. Dafür waren die Pausen zu Hause zu kurz. Notgedrungen gingen wir also einmal in einen Motorradladen in der Nähe des Weidmarkts, um zu fragen ob wir mal das Festnetz nutzen dürften. Aber auch der Inhaber wusste irgendwoher, wer wir waren und sagte: “Wir machen das anders: Ich lege euch Verlängerungskabel raus zu eurem Wachplatz und ihr ladet eure Handys auf. Außerdem könnt ihr das Klo benutzen und für eure Hunde immer frisches Wasser nachholen.” So wurde es gemacht und wir hatten nicht nur Strom für die Akkus, sondern auch Linderung für unsere bangen Herzen. Mehrere Leute brachten ihre läufigen Hündinnen extra vorbei, damit sie an markanten Punkten ein Extra-Lockmittel sein könnten. Nach einem besonders heißen Tag hatten wir nur noch Geld, um für den Heimweg zu tanken.

Wir waren todmüde, seit drei Uhr am Morgen unterwegs. Völlig erschöpft überlegten wir, wie wir den Heimweg unfallfrei schaffen könnten. Das bekam offenbar eines der obdachlosen Punkermädchen mit. Denn plötzlich stand sie vor uns und drückte uns zwei Euro in die Hand: “Damit ihr euch noch ein Eis kaufen könnt und sicher nach Hause kommt.” Auf dieser Heimfahrt waren wir so hysterisch, dass wir ununterbrochen lachten und weinten und nur durch ein Wunder und dieses Eis heil heimgekommen sind. Viele Plakate wurden wieder abgerissen, aber unermüdlich wurden neue bestellt, bei Bedarf auf geheimnisvolle Weise bezahlt und wieder aufgehängt. Die Kreise wurden immer weiter gezogen, um jede Sichtmeldung herum weiträumig plakatiert. Die Obdachlosen auf der Domplatte waren auch dabei eine Riesenunterstützung. Sie lagerten gezielt unter etlichen Plakaten, bewachten diese, informierten die Passanten und teilten sich sogar dafür auf. So konnten diese Plakate zumindest nicht abgerissen werden und viele Menschen wurden freundlich darauf aufmerksam gemacht. Während der endlosen Suchgänge stürzte plötzlich ein wildfremder Anzugträger auf meine Tochter zu: “Du bist doch Ebby! Ich kenne dich aus “Köln sucht Benni”. Was kann ich tun?” Und so begannen etliche Büromenschen ihre Mittagspause damit zu verbringen, mit dem Rad an angewiesenen Strecken Patrouille zu fahren.

3. Die Welle rollt an

Die Facebookseite wurde intensiv geteilt. Nach einigen Wochen waren es über 1000 Gruppenmitglieder, von denen sehr viele wirklich auch helfen wollten und wenn es nur dadurch war, dass sie uns ihre Erfahrungen mitteilten. Mut und Hoffnung spendeten. Es waren also viele Menschen wirklich dabei. So wurden Ämter verteilt und auch gewissenhaft erledigt: An Sichtungsplätzen Futterstellen eingerichtet, Wachdienste abgelöst, immer wieder die Tierheime, das Bauamt (falls er tot aufgefunden würde) und Ärzte abtelefoniert, Fotofallen aufgestellt und ausgewertet,…. Menschen brachten Benni in die Zeitung und ins Fernsehen. Kinder malten sein Bild auf die Gehwege und verteilten Flyer. Reisende nahmen Flyer mit, um sie auch an ihren Wohnorten aufzuhängen. Er konnte inzwischen überall sein. Aber er blieb verschwunden, Sichtmeldungen kamen immer seltener und kein Foto von ihm gelang. Immer wieder hörten wir nur: Wahrscheinlich war er es.

Einmal hatten wir eine ganz heiße Spur. Die Leute waren sich absolut sicher. Doch dann war es der Hund eines Urlaubers mit Wohnmobil, der dort frei herumlief. Und dieser Hund sah Benni wirklich unglaublich ähnlich. Er hätte es sein können, aber er war es nicht. Wieder drei Tage voller enthusiastischer Aufregung und dann der Absturz. An der Jugendherberge hielt er sich lange genug auf, dass wir beschlossen endlich mal eine Falle aufzustellen, obwohl er noch nicht angefüttert war. Wir wollten endlich Erfolg. Wir karrten Strohballen aus seiner Heimat heran und es wurde eine trichterförmige Falle gebaut. Aber wieder war er verschwunden, kaum dass wir bereit waren. Man konnte fast nicht schneller vor Ort sein, aber Benni war noch schneller.
Auch Spürhunde fanden und verloren seinen Duft mehrfach. Wie machte er das bloß? Und warum? Hatte er die Zuversicht verloren, dass sein Herrchen ihn suchte? Hatte er so viel bei dem Aufprall abbekommen, dass er zu viel Angst vor Menschen entwickelt hatte? Einmal waren wir ganz nah, wir sahen sein Fell aufblitzen hinter einem Baum keine fünf Meter entfernt, aber dann fuhr ein Fahrradtrupp vorbei und er wurde wieder unsichtbar.

Ein grauenvoller Schock die Geschichte, dass Jugendliche einen Hund so lange immer wieder in den Rhein geworfen hatten, bis der ertrunken war. War es Benni? Nein, nach banger Recherche stellte sich heraus, dass es ein Chihuahua gewesen war. Sollen wir erleichtert sein, dass es nicht Benni gewesen war? Das ist eine nicht beantwortbare Frage. Aber für diese Jugendlichen empfinden wir den blanken Hass. Die hätten uns nicht in die Finger kommen dürfen.
Dafür trafen immer mehr Helfer an. Von Joggern, die ihre Strecke in sein Gebiet verlegten, über Polizisten, die uns sofort bei Sichtmeldung riefen und sich aktiv beteiligten, über Kinder, die überall unermüdlich flyerten bis zu unzähligen Leuten auf Facebook, die zu weit weg wohnten, aber Trost und Ermutigung spendeten.

4. Die Nerven liegen blank

Der Sommer war warm, Benni futterte sich bei den Leuten am Rheinufer durch. Wir machten Menschenketten von der Straße bis zum Wasser, vom Dom bis zum Niehler Hafen, denn da war er gesehen worden. Um drei Uhr morgens und mitten am Tag, um ihn vielleicht schlafend zu erwischen – aber wieder war er weg. Durch irgendeine winzige Lücke in der Kette entwischt. Nur seine Schlafkuhle im Gras fanden wir. Suchtrupps wanderten durchs nächtliche Köln, folgten Spürhunden und fanden sich traurig vor dem Bahnhof wieder zusammen.
Allmählich lagen unsere Nerven blank. Wir gifteten uns gegenseitig an, immer wusste es jemand besser: “Wenn Du … getan hättest, dann hätten wir ihn.” Natürlich auch: “Wenn er einen Sender getragen hätte…“ Aber wer zieht seinem Hund in der Stadt auf einem popeligen schnellen Gassi an der Leine einen Sender an? Manche Freundschaften wurden auf harte Proben gestellt. Selbst einige der professionellen Haustierfinder und solche, die sich nur dafür hielten, begannen sich gegenseitig zu beschimpfen. Auch im Netz schlugen die Wellen teilweise sehr hoch. Wir mussten  schließlich Anton davor beschützen, dem ging es immer schlechter. Seit Monaten hatte er nicht mehr gearbeitet, es musste endlich wieder Normalität in sein Leben.

Also zogen wir uns zusammen mit ihm aus Köln zurück, um ihn mehr in N. zu halten, wo er eigentlich lebte und arbeitete. Es waren viele leidenschaftliche Benni-Sucher vor Ort, denen wir all die Arbeit anvertrauen konnten. Über all die Verzweiflung hatten sich auch Freundschaften gebildet. Wir verließen uns darauf. Auf Abruf waren und sind wir weiter. Und wir waren und sind endlos dankbar. Der Herbst war sommerlich und der Winter begann sehr mild. Er wurde beim Schnellimbiss und hinter einer Metzgerei gesehen, wenn auch recht weit außerhalb Kölns. Und immer war es ganz knapp: Einmal hatte er eine Bäckerei durch die offene Tür betreten, wohl vor Hunger. Aber die Leute sprachen ihn an, anstatt der Tür einen Schubs zu geben. Und wieder war er weg.
Immer wieder wurde die Hoffnung genährt: Einmal ging er dann doch in eine Fotofalle, einmal rannte er vor ein Polizeiauto, mehrfach spielte er mit Kindern, …aber immer erfuhren die Menschen zu spät, dass dies ein gesuchter Hund war. Dass dies DER Benni war. Immer wieder war er ganz knapp entkommen. “Ach hätten wir das gewusst, es wäre ganz einfach gewesen…” Wir konnten es nicht mehr hören.

Allmählich machten wir uns ganz ernste Sorgen um Anton und versuchten zunehmend, ihn möglichst ganz raus zu halten. Inzwischen hatte er über 15 Kilo Gewicht verloren und seine finanziellen Ressourcen waren aufgebraucht. Wir sorgten dafür, dass er wieder etwas aß und auch mit der Arbeit anfing. Mit fortschreitendem Winter ermutigten wir ihn auch immer mehr in seiner Idee, sich ein Hundebaby zuzulegen. Er musste einfach Trost finden. “Der Trend geht zum Zweithund”, sagten wir immer. Denn natürlich würde Benni wieder kommen. So war Anton etwas abgelenkt mit der Suche nach dem richtigen Zweithund und so kam an Weihnachten die süße kleine Gerti zu Anton. Und das war auch gut so, wenn auch so mancher Facebook-User dazu eine andere Meinung verkündete. Das waren nur Leute, die aus der Distanz urteilten und nicht sahen, dass Anton sonst kaputt gehen würde. Wir lieben auch Gerti und suchen weiter. Anton erholte sich ein bisschen, war wieder arbeitsfähig und bildete auch Gerti zu einem Therapiehund aus. Sie kann Benni nicht ersetzen, aber sie nimmt einen eigenen wichtigen Platz ein.

5. Langer Atem und trauriger Abschied

Der Winter blieb mild, das tröstete uns. Dann kam der erste Jahrestag. Absolut niemals hätten wir gedacht, dass es so lange dauern würde. Aber wir hofften immer noch. Sichtmeldungen um Euskirchen, um Neuss – war er es? Kein Foto. Dann kam die schreckliche Nachricht, dass Millie, eine Ausreißerin aus Rumänien, tot aufgefunden worden war. Mit ihr war Benni eine Weile unterwegs gewesen. Man hatte sie zusammen Kaninchen erlegen und weite Strecken laufen sehen. Und dann hatte sie tot in einem Container in den Niederlanden gelegen. Wahrscheinlich in Niehl hineingesprungen und dann darin beim routinemäßigen Giftgasfluten ums Leben gekommen. Oft war sie zusammen mit anderen Ausreißern am Niehler Hafen gesehen worden. Bis auf 20 Meter waren wir drangekommen, doch sie war immer schneller gewesen und lief weiter wie ein Nähmaschinchen mit ihren kleinen Trippelschritten endlos Kilometer um Kilometer. Das war dem Benni, der eher ein fauler Sack ist, dann wohl irgendwann zu viel gewesen und sie hatten sich getrennt. Im September nahm eine traurige Gruppe in einer kleinen Feier am Rhein Abschied von der kleinen Milli, die ihr Leben lang verloren gewesen ist.

Und Benni? So ein Hund kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen. Und wenn er – wie man in den Hundeleutekreisen sagt – auch über die Regenbogenbrücke gegangen sein sollte, dann würden wir auch das einfach nur wissen wollen. Nur glauben wollen wir das bis heute nicht. Selbst im zweiten Sommer blickten uns noch junge Mädchen finster an, wenn wir mit unserem Aussie durch Köln gingen. Die beiden sehen sich nicht mal besonders ähnlich, aber wir mussten Rede und Antwort stehen. Selbst das tröstete uns.
Selbst wenn ein toter Hund an der Autobahn gemeldet wurde, der ihm ähnlich sah. Hinfahren, hoffen, nach Hause fahren. Und doch wird es niemals Routine, niemals geben wir auf. Die Helfer hören genau hin und folgen jeder Spur. Wir stellen uns im Moment am liebsten vor, dass Benni von jemandem aufgenommen worden ist und dort glücklich lebt. Das wäre sogar okay, wenn wir es nur wüssten. Wenn es ihm nur gut ginge. Aber dann kommen wieder Sichtmeldungen irgendwo aus dem weiten Großraum Köln. Anton erhöhte die ausgesetzte Belohnung für den entscheidenden Hinweis, der zu Bennis Auffinden führen würde mehrfach. Immer, wenn wir so ganz mutlos waren, dann postete jemand die Meldung von einem Hund, der wiedergefunden worden ist – 6 Wochen oder 6 Jahre nach seinem Verschwinden – also bleiben wir dran. Benni darf und soll nicht aufgegeben werden. Wenn wir nur Gewissheit hätten.

Unfall Hund

6. Wir geben nicht auf

Immer noch kommen Sichtmeldungen. Dann schlagen die Wellen sehr hoch, wir studieren Fotos von Hunden in Tierheimen, im Internet, bei Kleinanzeigen und hinter Gartenzäunen. Könnte er es sein? Manche Aussies sehen ihm furchtbar ähnlich. Fast hoffen wir – und dann ist es doch ein anderer. Manchmal hyperventilieren wir, manchmal weinen wir, manchmal phantasieren wir uns sein Glück zusammen. Aber immer sind wir unendlich dankbar, dass er immer noch  von der “Benni-Gemeinde” gesucht wird. Selbst auf Fotos in Zeitungen oder Filmen von irgendwelchen Tierheimfesten wird er gesehen. Wir hoffen und prüfen und dann ist er es doch nicht. Aber wir hoffen weiter.
Immer noch – so viele Jahre nach seinem Verschwinden – werden uns Fotos geschickt. Wir sind so froh, dass er nicht vergessen wird! Genau heute schickte Susanne mir ein aktuelles Foto über Whatsapp! Ein einsamer brauner Hund an einer Schlossmauer. Er ist es nicht, aber es hat jemand an ihn gedacht.
Diese unglaublich engagierten Menschen verdienen es einfach, dass er gefunden wird. Wir wollen dieses große Fest feiern, das wir schon für Juli 2013 geplant hatten.
Wo auch immer er ist und wie auch immer Benni sich inzwischen entwickelt hat, es soll ihm einfach nur gut gehen. Und wenn er ein neues Rudel gefunden hat, in dem alle glücklich sind, dann wird man auch dafür eine Lösung finden.

Also kein Tag, ohne an Benni zu denken. Keine Sichtmeldung, ohne aktiv zu werden. Schon ganz lange nicht mehr sind das nur noch die, die ihm vertraut waren. Das konnten wir uns schon sehr bald nicht mehr leisten. Wir sind auch einfach zu weit weg und haben hier unser Leben. Schon in den ersten Monaten hatte sich aber dieser feste und nimmermüde Kern um Susanne Koc, Dieter Rustenbach und andere fantastische Menschen gebildet, die sich immer wieder was Neues einfallen ließen, einfach nicht nachgaben und immer noch an der Suche festhalten. Kein Fest ohne einen Stand, keine Sichtmeldung ohne großräumiges Flyern, T-Shirts, Taschen, in Erinnerung bringen an den relevanten Stellen und sich mit dem Ordnungsamt herumschlagen, das die Flyerei nicht mehr wollte. Aus dieser Gruppe kam auch die Idee auf, die Suche noch öffentlicher zu machen. Einmal war er auf der Titelseite des Express, einmal im Fernsehen. Wir setzten auch sehr erfahrene und sonst sehr oft erfolgreiche Pettrailerhunde ein. Zweimal nach sicheren Sichtmeldungen. Einmal verlor sich die Spur mitten in der Stadt und beim zweiten Mal erfolgte in der Nacht zwischen Meldung und Ankommen der Suchhunde ein unglaublicher Sturm mit Gewitter und Hagel. Da war keine Spur mehr. Wir standen im Regen und weinten alle zusammen.

Susanne Koc hat zusammen mit ihrem wunderbaren Team allein 2014 70 Hunde Jahre danach noch nach Hause gebracht. Wir sind immer noch in Kontakt, verfolgen jede Spur. An Bennis fünftem Geburtstag kam alles wieder hoch. Solange wir nichts wissen, berührt es uns und alle MithelferInnen immer wieder tief. Anton halten wir aus allem raus. Bevor wir Benni nicht haben, lassen wir ihn in Frieden mit seiner Gerti. Nur wenn er den Kleinen erwähnt, dann darf das Thema sein. Aber nie, was im Hintergrund zwischenzeitlich alles passiert. Er könnte einfach keine Enttäuschung mehr wegstecken. Wir wollen die Hoffnung einfach nicht aufgeben, nichts unversucht lassen. Es geht nicht mehr nur um Benni und Anton, es geht darum, dass diese Menschen erleben, dass Einsatz und Hartnäckigkeit sich lohnen. Wisst ihr, was wir uns wünschen? Ein Wunder. Und darum haben wir diesen Text geschrieben. Irgendwo steckt er. Je mehr Leute von seinem Schicksal wissen, umso eher kommt der erlösende Anruf: “Wir haben ihn!”


Stephanie Shirazi hat uns ihre Tractive Stimme geschrieben. Sie ist leidenschaftliche Hundebesitzerin – ein Australian Shepherd und ein Podencostraßenhundmix sind Teil ihrer Familie. Mit ihren zwei Hunden Mali und Tamsin sucht sie den Hund Benni in Köln. Wenn du Hinweise zu Benni hast, kannst du dich bei Stephanie Shirazi unter der Telefonnummer 0160 6254240 melden oder auf der Facebookseite Entlaufene/Vermisste Hunde Köln und Umgebung e.V.

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